Servus vom Julierpass (2284m)

Die Pässe bitte!

(Eine kleine Reisegeschichte)

Ein Bericht von Markus Thoms

Dienstag 13. Mai 1997 bis Mittwoch 14. Mai 1997

Wir treffen uns um 9.00 Uhr am Ulmer Hauptbahnhof. Mein Bekannter mit seiner Kawasaki KLE, ich mit meiner neuen Honda TRANSALP. Es soll die Jungfernfahrt mit meiner "Neuen" werden, hab ich doch erst ein paar Kilometer drauf.

Nach kurzer Begrüßung fahren wir ohne Umschweife von Ulm aus Richtung Senden. Da in Ulm starker Berufsverkehr herrscht wollen wir so schnell wie möglich raus aus dieser Stadt.

Über Vöhringen und Illertissen folgen wir auf der B19 der Beschilderung nach Memmingen. Hinter Vöhringen wird der Straßenverkehr etwas ruhiger und wir können in eine entspanntere Fahrweise übergehen. Von Memmingen aus nehmen wir weiter die Bundesstrasse Richtung Leutkirch und Isny nach Oberstaufen. Über den Grenzübergang Aach erreichen wir Österreich. Wie immer sind dort die Österreichischen Zöllner recht faul (tja vor ein paar Jahren gab es die noch) und wollen von uns nichts wissen, warum auch. "Hurra, freies Europa ohne Grenzen" Aber das war erst später dran!!

Kurz nach der Grenze legen wir erst mal nen Tankstop ein, um unsere übriggebliebenen Alpendollar vom letzten Austriatrip gegen Futter für unsere Bikes einzutauschen. Natürlich hätte der nette ältere Herr auch Deutschmark genommen. Aber ich bin persönlich der Meinung, das man in einem fremden Land immer in der Landeswährung zahlen sollte. "Das ist jetzt dann ja eh vorbei. Der kommt!"

Jetzt geht's weiter Richtung Krumbach (Österreich), Hittisau und Müselbach um dort erst mal ein Kännchen Kaffe zu uns zu nehmen. Aber wir wollen weiter, haben wir doch erst an die 150 Kilometer hinter uns. Weiter die 200er Richtung Egg über Mellau nach Au. Von Damüls aus bestehen zwei Möglichkeiten weiterzufahren. Über den Furkapass (14%, 1761m) durchs Laternser Tal nach Rankweil oder übers Faschinajoch (14%, 1486m) über Fontanella, Blons, Thüringerberg, Satteins nach Feldkirch wahlweise auch Bludenz. Aber da wir dieses Jahr etwas früh dran sind ist der Furkapass noch gesperrt und wir entscheiden uns für die Route über das Faschinajoch. Wer in der Nähe übernachten will, sollte es unbedingt in der Jugendherberge in Feldkirch tun. Hier sind Motorradfahrer herzlich willkommen.

Von Feldkirch aus fahren wir auf direktem Wege ins Fürstentum Lichtenstein ein, fahren rechts vorbei am Schloß Vaduz und erreichen bei Balzers endlich die Schweiz. Nach ein paar geschossenen Fotos gelangen wir über Maienfeld nach Landquart und nehmen die Abzweigung nach Davos. Davos, in einer Höhe von 1560m, erscheint mir mir eher hässlich als der vom Hören-Sagen mondäne Skiort schlechthin. Wahrscheinlich liegt das aber auch daran, das wir von Klosters kommend über den Bahnhof nach Davos gelangt sind, und welcher Bahnhof, egal in welcher Stadt, ist schön anzusehen. Zumindest bin ich erleichtert, als ich diesen Ort hinter mir lasse, und mit meinem Reisegefährten auf der Strasse Richtung Tiefencastel bin. Jetzt besteht die Möglichkeit über den Pass d'Alva, den Albulapass (2312m) nach St. Moritz zu fahren. Aber auch dieser Pass ist noch gesperrt und da wir zum Comer See wollen einigen wir uns drauf über Julier- (2284m) und Malojapass (1815m) zu fahren.

Auf dem "Pass dal Güglia" (Julier!!!) schießen wir erst mal wieder ein paar Fotos. Schließlich überquert man ja nicht alle Tage einen Pass und das sollte man schließlich doch ein bisschen dokumentieren. Interessant sind auf der Passhöhe die antiken Steinsäulen, mit denen anscheinend die Römer schon die Passhöhe gekennzeichnet haben.

Kaum den Pass überquert fängt es an. "Regen"! Und ungemütlich kalt ist es auch geworden. Bei der Abfahrt Richtung Silvaplana ist oberste Vorsicht geboten, denn durch den Regen hat sich eine gefährliche Schmierschicht auf der Straße gebildet. Unten angekommen stehen wir vor einem neuen Problem. Das Benzin geht zur Neige! Die Tankstellen an denen wir bis jetzt vorbeikamen waren ausschließlich Tankautomaten und unsere Franken hatten wohl irgendwie die falsche Größe dafür. Aber zum Glück half uns ein sehr netter Herr Der Graubündener Kantonspolizei und wechselte uns die "Fränklies" in die richtige Größe. Für jeweils 10 Franken getankt gings weiter vorbei am Silvaplana- und Silser See in Richtung Malojapass. Zwar ist der Malojapass mit einer Höhe von 1815m nicht so hoch wie der Julier, bietet er jedoch vom Fahrspaß und Kurvenkratzen her gesehen das größere Erlebnis. Die Malojapassstrasse verbindet das Oberengadin mit dem Bergell und überschreitet bei Castasegna die Grenze zu Italien. Und man spürt es auch. Wir kommen dem Süden immer näher. Man hat das Gefühl als habe sich das Wetter schlagartig gewandelt. Hatten wir eben noch gefroren so stellte sich auf einmal ein heimeliges Wärmegefühl ein. Etwas euphorisch, da wir endlich in Italien sind, fahren wir weiter gen Chiavenna. Dort entdecken wir die Auffahrt zum Splügenpass und stellen fest das dieser schon geöffnet ist. Aber zuerst wollen wir zum "Lago di Como" und verschieben den Splügenpass auf den nächsten Tag. Auf der 36er geht's vorbei am "Lago di Mezzola" nach Domaso am Comer See.

Als wir in der dortigen Jugendherberge Quartier beziehen ist es bereits 20.00 Uhr und wir sind verschwitzt und hungrig. Das Zimmer das uns zugeteilt wird erinnert mich mit seinen Stockbetten und seinen kahlen Wänden an meine Zeit bei der Bundeswehr. Aber es soll ja nur für eine Nacht sein und bei einem Preis von 14.000 Lit. Mit Frühstück kann man ruhig Abstriche machen. Nachdem ich meinen Kampf gegen den Ameisenhaufen in der Dusche (Stimmt!!) siegreich hinter mich gebracht habe kann es nun sauber und erfrischt mit einem Spaziergang durch Domasos Altstadt weitergehen.

Es ist ein schönes Städtlein, welches sich eng und verwinkelt vom See her an den Berg schmiegt. Eine alte Bausubstanz mit schönen alten Häusern, engen Gassen und verwinkelten Treppenaufgängen geben dem Städtchen seinen gewissen Reiz. Vom Hunger getrieben landen wir in der Spaghetteria "La Contrada" in der Via Venini 21 und lassen es uns bei Salat, Weissbrot, Spaghetti Carbonara und einem süffigen Roten gutgehn. Im Gespräch mit der Wirtin Irmgard stellen wir dann fest das sie Deutsche ist und schon seit 22 Jahren glücklich verheiratet am Comer See lebt. Von den zwei Litern Wein recht angeheitert machen wir uns mehr oder weniger geradlinig auf den Weg zurück zu unserer Unterkunft. Mehr oder weniger ausgeruht erwachen wir auch am nächsten Morgen. Ohne Umschweife richten wir uns, frühstücken und machen uns für die Weiterreise fertig, schließlich wartet der absolute Leckerbissen, der "Splügenpass" auf uns. Die Strada d.Spluga verläuft von Chiavenna, Italien nach Splügen, Schweiz auf einer Länge von 41 km durchs Val S.Giacomo. Der Grenzübergang zur Schweiz befindet sich auf einer Höhe von 2113m direkt auf der Passhöhe. Die Steigung beträgt auf der Nordseite max. 10% und auf der Südseite max. 13%. In der Höhe von San Giacomo-Filippo beginnt sich Kurve an Kurve zu reihen und wir haben unsere liebe Not, dass uns nicht schwindlig wird. Gefährlich sind die Tunnels und Galerien die sich hier befinden, denn diese sind wenig bzw. gar nicht ausgeleuchtet. Außerdem sind sie naß und die Straßen in ihnen sind dreckig und rutschig und die Spurrinnen tun ihr übriges. Vorsicht ist geboten und man sollte es mit der Geschwindigkeit nicht übertreiben. Ortschaften gibt es hier oben wie überall auch aber hier sind es "Geisterstädte". Alles ist zugenagelt. Aus keinem Kamin steigt Rauch und man bekommt das beklemmende Gefühl hier oben völlig allein zu sein. Als wir am Lago di M.Spluga Halt machen und unseren Blick Richtung Monte Cardine richten fühlen wir uns in eine Welt aus Schnee, Eis und Kälte versetzt. Auch wenn es hier oben noch so schön und berauchend ist, wir müssen weiter. Einige Zeit später haben wir Splügen erreicht und den Pass hinter uns gelassen. An der Schweizer Autobahn entlang fahren wir weiter Richtung Thusis. Manchmal wird diese Strasse so eng, das man meint man befindet sich auf einem Radweg. Über Bonaduz, Chur, Bad Ragaz, Sargans nach Buchs fahren wir weiter um von Buchs aus nach Schaan wieder ins Fürstentum Lichtenstein einzufallen. Von Feldkirch aus geht es über die 190er nach Bregenz und von dort aus nach Lindau am Bodensee. Nach einer Rast in einem Restaurant mit dem markanten Anfangsbuchstaben "M" nehmen wir die Autobahn gen Memmingen um auf dem direkten Wege nach Hause zu kommen. Auf einem Rastplatz kurz vor der Ausfahrt Nersingen halten wir noch mal an um uns mit Handschlag voneinander zu verabschieden. Mein Reisepartner muss noch weiter Richtung Drackensteiner Hang, ich verlasse bereits an der Ausfahrt Nersingen die Autobahn um weiter Richtung Günzburg zu fahren. Mit einem Gefühl im Bauch unheimlich viel in diesen zwei Tagen erlebt zu haben verlasse ich die Autobahn. Mit einem weinenden und einem lachenden Auge fahre ich am Ortsschild Günzburg vorbei. Endlich wieder daheim bei Familie und Freunden denke ich mir, aber schon wieder drängt sich von irgendwoher der Gedanke an die nächste Motorradtour auf. Und irgend wie kreist mir ein Gedanke im Kopf herum. "Die nächsten Pässe warten schon!"

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